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journalism

Die Straßenzeitung – Printmedium mit Erfolgsgeschichte

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Jan 3rd, 2017

 

A story told by A. Fortunat / Titelbild: A. Fortunat

Die zunehmende Digitalisierung ist auch in österreichs Medienlandschaft deutlich zu beobachten. Immer mehr Leser ziehen das Internet dem gedruckten Papier vor. Die Straßenzeitungen kennen dieses Problem nicht. Gerade die persönlichen Begegnungen der Verkäufer mit ihren Kunden sind es, die für steigende Auflagen sorgen.

 

Der Verkauf von gedruckten Zeitungen ist wesentlich für die Erzielung des wirtschaftlichen Erfolgs der etablierten Medienhäuser. Dies gilt nicht für Straßenzeitungen. Sie sind ausnahmslos nicht auf Gewinn ausgerichtet. Die Verkäufer sind Obdachlose, Migranten, Asylsuchende oder Bezieher von Mindestsicherung. Sie alle finden keine Beschäftigung im Rahmen des regulären Arbeitsmarktes. Das Sozialprojekt Straßenzeitung bietet für diesen Personenkreis nicht nur eine Möglichkeit eines selbstbestimmten Einkommens sondern begünstigt im besten Fall auch die Reintegration in das Arbeitsleben.

Grafik  A. Fortunat (klick to enlarge)

 

Auf den ersten Blick scheint das zugrunde liegende Modell der österreichischen Zeitungen einheitlich zu sein. Doch sieht man genauer hin, sind es die Details der sieben wichtigsten Boulevardblätter, die deren Erfolg möglich machen.

Ich habe die ChefredakteurInnen der wichtigsten österreichischen Straßenzeitungen gefragt, was an ihren Blättern so besonders ist.

 

“Die Etablierten”

 

Martin “Max” Wachter
Foto © Mario Lang

Die erste Straßenzeitung in Österreich gibt es seit ca. 25 Jahren. Damals, im Jahr 1991 hat der freie Journalist Martin Wachter den Uhudla gegründet. Heute ist er pensioniert und lebt in Portugal. Dies hält ihn jedoch nicht davon ab, mindestens zweimal im Jahr die „älteste und rebellischeste Straßenzeitung in Österreich“ herauszugeben. Während all den Jahren blieb er dem selbst gegebenen Motto der Zeitung immer treu: Unabhängig, Heiß, Urig, Demokratisch, Landläufig, Außergewöhnlich

 

Robert Sommer, Redakteur
Foto © A. Fortunat

Der Augustin ist die zweitälteste Straßenzeitung Österreichs und besteht derzeit aus 13 Mitarbeitern. Der Gründer, Robert Sommer legt Wert auf die Feststellung, „…dass es bei uns keinen Chef gibt. Für jede Entscheidung muss ein Konsens gefunden werden.“ Längst ist der Augustin viel mehr als eine Straßenzeitung: man produziert Radio und Fernsehen und es gibt eine Fußballmannschaft, Tischtennis- und Theatergruppe. Seit 16 Jahren gehört der Chor „Stimmgewitter“ zum fixen Bestandteil der Institution Augustin.

 

 

Michaela Gründler, Chefredakteurin
Foto © Bernhard Müller

Für Michaela Gründler, Chefredakteurin der Salzburger Straßenzeitung Apropos gilt „Wir machen keinen ‚Jammer-Journalismus’ – ich will Hoffnung vermitteln“. Als Markenzeichen gibt es in jeder Ausgabe ein Schwerpunktthema, wie zum Beispiel „Entstehen und Vergehen“, „Auf der Spur“ oder „Plötzlich“. Die Texte dazu kommen nicht nur von professionellen Journalisten. In der Schreibwerkstatt arbeiten auch Straßenverkäufer als Autoren mit und veröffentlichen ihre ganz besonderen Sichtweisen zu den Themen.

 

Heinz Zauner, Chefredakteur
Foto © Kupfermuckn

Mit weit über 50.000 Stück im Monat (zu Weihnachten sind es sogar 68.000) ist die Kupfermuckn die auflagenstärkste Straßenzeitung in Österreich. Was die Zeitung einzigartig macht: Seit 1996 treffen sich 20 sogenannte „Betroffenen-Redakteure“ einmal in der Woche und machen gemeinsam Zeitung. „Wir schreiben nicht über Mindestsicherung, die Leute berichten selbst, wie es ist unter der Mindestsicherung zu leben.“ sagt Heinz Zauner, Chefredakteur der Kupfermuckn. Ergänzt werden die Texte durch Experteninterviews oder Fachartikel. Dafür sucht man einen Kultur- oder Sportteil im Blatt vergeblich.

 

 

Annelies Pichler, Chefredakteurin
Foto © Arno Friebes

Wer schon einmal die steirische Straßenzeitung Megaphon in Händen gehalten hat, dem ist sicher sofort das professionelle Layout auffallen. Das monatlich erscheinende Blatt, das in der ganzen Steiermark und auch in Klagenfurt verkauft wird, möchte auch eine gebildete Leserschicht als Kernzielgruppe ansprechen. Damit dies gelingt, setzt man auch auf hochwertige Texte, meist zu Schwerpunktthemen. „Wir sind näher beim Standard oder bei der Presse, als bei der Kronenzeitung“ sagt die Chefredakteurin Annelies Pichler.

 

 

Elisabeth Willi, Chefredakteurin
Foto © privat

Das jüngste Kind der österreichischen Straßenzeitungen heißt Marie und wird in Vorarlberg vertrieben. Die erste Ausgabe erschien im Dezember 2015. In gemeinnützigen Verein arbeiten zwei fix angestellte Mitarbeiter in der Redaktion sowie ca.zehn freie Journalisten. „Da es in Vorarlberg keine großen Städte gibt, verkaufen unsere Verkäufer die Zeitung in allen Städten und Gemeinden entlang des Rheintals“ sagt die Chefredakteurin Elisabeth Willi.

 

Anton Blaha, Chefredakteur
Foto © Anton Blaha

Großes persönliches Engagement ist das Erfolgsrezept der Straßenzeitung Eibisch-Zuckerl aus Wiener Neustadt. Die sieben Mitarbeiter im Kernteam werden durch 10 – 15 freie Mitarbeiter bei der Erstellung der Zeitungsinhalte unterstützt. In seiner Pension leitet der promovierte Chemiker und Maler Anton Blaha die Redaktion. Der Name Eibisch-Zuckerl stammt übrigens von dem gleichnamigen Song von Wolfgang Ambros.

 

 

Eine Gleiche unter Gleichen: das Biber

Delna Antia, Stv. Chefredakteurin
Foto © A. Fortunat

Die Zeitschrift Biber fällt aus mehreren Gründen ein bißchen aus der Reihe der “etablierten” Straßenzeitungen. Dies verrät schon der Name: “biber” heisst soviel wie Pfefferoni (türkisch) oder Pfeffer (serbokroatisch). Anders als die zuvor genannten Straßenzeitungen ist biber österreichweit – in allen McDonaldsfilialen gibt es da Magazin – erhältlich. Zusätzlich gibt es in Wien noch Kooperationspartner, wo die Zeitung zur Gratisentnahme aufliegt, das heißt, es gibt keine Verkäufer im klassischen Sinn. “Wir sind kein soziales Projekt, sondern ein Verlag, ein Magazin. Wir orientieren uns nicht am sozialen Projekt, sondern wir sagen, wir sind jung, stylisch, migrantisch.” sagt Delna Antia, stellvertretende Chefredakteurin. Der Fokus des Blattes liegt ganz klar auf beim Thema Migration und transkulturellen Inhalten. Seit 2011 gibt es auch eine eigene Akademie. Damit will man auch den Anteil der Journalisten mit Migrationshintergrund, der laut Antia bei bei 0,1% in Österreich liegt, erhöhen. Die Finanzierung erfolgt “klassisch” über Anzeigen.

Und dann war da noch …

Eigentlich gibt es noch weitere Zeitungen, die gratis auf österreichs Straßen verteilt werden, wie zum Beispiel “Global Player” oder “MO”. Diese sind jedoch nicht Teil der – zugegebenermaßen losen – Organisationsstrukturen der etablierten Straßenzeitungen in Österreich. Während die Mitarbeiter der etablierten Blätter sich regelmäßig zu aktuellen Themen austauschen – es findet mindestens ein mal im Jahr ein Treffen in einem österreichischen Bundesland statt – agieren die anderen Straßenzeitungen quasi als eigenständig. Dies äußert sich auch darin, dass es vermehrt zu Konflikten zwischen den Verkäufern der nicht organisierten Zeitungen und denen der etablierten Straßenzeitungen an beliebten Stand- bzw. Verkaufsplätzen kommt.

Fazit

Es gibt einige Studien, die belegen, dass die Straßenzeitung nicht nur aus Mitleid für die Verkäufer sondern bewusst wegen der aktuellen und authentischen Berichterstattung von den Lesern gekauft wird. Mit monatlich rund 200.000 abgesetzten Printexemplaren ist der Beweis erbracht, dass auch bezahlte Zeitungen abseits des Internets funktionieren können.

Tabelle: Straßenzeitungen in Österreich / A. Fortunat (klick to enlarge)

 

Was für viele Leser auf den ersten Blick garnicht so transparent erscheint: In allen Straßenzeitungen gibt es Redaktionen mit professionellen JournalistInnen und einer Organisationsstruktur in der Redaktion, die sich im Wesentlichen nicht von den herkömmlichen kommerziellen Medien in Österreich unterscheidet.

 

 

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