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Der Zaun muss weg – Vorhang auf!

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July 31st, 2016
[Titelfoto: Zurück in Wien im Schrebergarten / Foto (c) Alexander Fortunat]

Interview mit Mario Lang (Alexander Fortunat)

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Alexander Fortunat hat den Lebenskünstler Mario Lang in Wien in seinem Schrebergarten besucht. Hier erzählt er über seine unglaubliche Reise mit einem kleinen Brompton-Faltrad, die am 10. Juni 2016 in Wien begonnen hat und entlang des Eisernen Vorhangs nach über 2.700 km Wegstrecke am Schwarzen Meer geendet hat.

 

Mario Lang, Jahrgang 1968 ist ein Tausendsassa: gelernter Optiker, freier Fotograf, Mitarbeiter der Boulevardzeitung Augustin, Redakteur, Radiomoderator, Sänger und Chorleiter. Der – wie er sich selbst am liebsten bezeichnet – leidenschaftliche Dilettant berichtet über seine Emotionen und das Erlebte während seiner Radtour entlang des Eisernen Vorhangs. Nach 24 Grenzübertritten, 1.934 gefahrenen Rad-Kilometern, 29 Reisetagen und 27 Übernachtungen in fremden Betten bleibt eine gewaltige Ansammlung an Bildern und Gedanken, die erst einmal verarbeitet werden will.

 

A. Fortunat: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, tausende Kilometer mit einem Rad zu fahren?

Mario Lang: Da muss ich etwas ausholen. Begonnen hat alles im Alter von 21 Jahren im Jahr 1989 bei einem Urlaub auf Gran Canaria, da sind plötzlich alle Menschen zu den Fernsehgeräten gestürmt. Das war am 9. November, als die Berliner Mauer gefallen ist. Später habe ich begonnen, mich mit DDR-Musik zu beschäftigen und bin nach Berlin gefahren um in Plattenläden vor Ort mir diese Musik anzuschaffen. Mit meinem damaligen Projekt “Punk in der DDR” hat aber das ganze Interesse für den Osten und damit die Reisetätigkeit in diese Länder begonnen. Dazu beigetragen hat auch ein für mich sehr bewegender Roman: “Polninken” von Arno Surminski. Ja, da ist dann eine gewisse Faszination aufgekommen.

Ich bin dann von Wien nach Berlin, den Berliner Mauerradweg, sowie mehrmals den Donauradweg ans Schwarze Meer mit dem Rad gefahren. Die Donau ist mein Herzensfluss.

Durch die Mischung aus beiden – das Ostblock-Flair mit der Radfahr-Leidenschaft – bin ich dann irgendwann auf den Eisernen Vorhang gestoßen. Bei der ersten Reise, da war noch kein Projekt dahinter, habe ich mir gedacht, ich fahre mit meiner Lebensgefährtin von Travemünde nach Swinemünde in Polen. Das ist Teil des Eisernen-Vorhang-Radweges. Das waren ca. 500 km. Im Jahr 2015 sind wir von Danzig bis nach Riga mit dem Rad gefahren.

 

A. Fortunat: Das heißt, die eigentliche Projektidee ist erst hinterher entstanden, als sie den ersten Teil schon erledigt hatten?

Mario Lang: Ja, ich bin zwei Etappen abgefahren und war quasi schon mitten im Projekt, ohne dass ich es selber gewusst habe. Das Projekt hat mich eingeholt.

Die diesjährige Reise hat in Wien gestartet und hat mich bis zum Schwarzen Meer gebracht und zwar nicht direkt an der Donau entlang, sondern wirklich entlang des Eisernen Vorhangs.

 

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Unterwegs – Irgendwo in Serbien / Foto (c) Mario Lang

 

A. Fortunat: Wie haben Sie die Tour geplant?

Mario Lang: Ich habe mich im Wesentlichen an den “bikeline”-Radreiseführer “Eiserner Vorhang” gehalten. Es gibt Leute, die recherchieren schon ein Jahr im Voraus – ich nicht. Ich denke mir: nur nicht zu viel Recherche – ich will ganz unvoreingenommen sein.

 

A. Fortunat: Was haben Sie an Gepäck mitgenommen?

Mario Lang: Ich bin ein Minimalist: Das Rad ist ein Brompton-Faltrad. Dazu gibt es eine Reisetasche, die man vorne am Lenker montieren kann. Durch meine vielen Radreisen habe ich gelernt, weniger ist mehr. Wenig Gepäck: ein paar Unterhosen und Leiberln, zwei Hosen, eine Zahnbürste, das Reisewaschmittel und ein Fahrradwerkzeug – das reicht.

 

A. Fortunat: Haben Sie sich Gedanken über Notfälle gemacht, also z.B. was passiert, wenn Sie krank werden, sich verfahren oder verirren?

Mario Lang: Geplante Feste finden nicht statt. Wenn du dir alle Eventualitäten ständig überlegst, bekommst du Angst. Das Rad könnte mir eingehen, ich könnte mich verletzen etc.

Was soll mir passieren? Das ist irgendwie ein Motto, ich werde mir nicht schon vorher Gedanken machen. Den Kopf zerbreche ich mir dann, wenn ein Problem auftritt.

So auch beim Thema Straßenhunde: ich habe bei meiner Donaufahrt, wie auch jetzt, immer schon mit Straßenhunden Probleme gehabt – das sind aber nicht die wilden Straßenhunde, sondern das sind die, die irgendwo dazugehören. Mit total aggressivem Bellen rennt der dir nach. Meine jetzige Theorie ist: es wird nie so heiß gegessen, wie gekocht. Es passiert eh meistens nichts. Am ersten Tag stellen sich die Haare auf, man fängt an zu schwitzen und tritt in die Pedale. Am vierten Tag wird man dann ein bisschen cooler.

 

A. Fortunat: Was war das prägendste Erlebnis auf über 2.700 km mit dem Fahrrad – gibt es ein Erlebnis welches Sie nie vergessen werden, oder ist es die Summe an Eindrücken?

Mario Lang: Bei mir überlagern sich die Reisen. Aber, es gilt: mit jedem Kilometer weiter südlich öffnen sich die Herzen der Menschen weiter. Je weniger sie haben – desto großzügiger sind sie.

Insgesamt waren es 2.700 km, davon 1.900 mit dem Rad. Bulgarien ist sehr bergig. Da habe ich manchmal, wenn ich gemerkt habe, es geht nicht mehr, einen Bus genommen oder Auto gestoppt. In Bulgarien hat mich jedes erste Auto mitgenommen. Jedes Erste.

Einmal in Bulgarien da bin ich zu einem kleinen Wasserfall hinuntergegangen, das Rad geschultert und habe dort eine Zigarette geraucht. Dort waren vier Leute, die gegrillt haben. Im Wasser vor dem Wasserfall schwimmt das Bier und ich hab so eine Lust auf ein Bier gehabt. Dann bin ich zu den Leuten hin und habe gefragt, ob ich ihnen ein Bier abkaufen kann. Die haben mir gesagt, du kannst dir ein Bier herausnehmen, aber bezahlen? definitiv NEIN! Als ich dann ganz glücklich mit einer Tschick und dem Bier am Wasser sitze, kommen sie daher und bringen mir auch noch einen Grillspieß mit Salat und Gebäck dazu. Das ist fast beschämend, man will sich revanchieren, aber sie freuen sich einfach nur darüber, dass du ihre Länder bereist.

 

A. Fortunat: Sie waren bis auf ein kurzes Stück, bei dem Sie ihre Lebensgefährtin begleitet hat, alleine unterwegs. Wie sind sie mit der Einsamkeit umgegangen?

Mario Lang: Es hat einen Tag gegeben, da bin ich in Ivajlovgrad in Bulgarien, gestartet, bin durch Griechenland gefahren und bin in Edirne in der Türkei angekommen. Da war der Kopf dann so voll mit Eindrücken – und manchmal weißt du nicht, wohin damit, man ist schlichtweg überfordert. Aber das tägliche Schreiben meines Blogs hat mir sehr geholfen, meine Gedanken zu ordnen.

Ja, man wälzt dann eben manche Sachen im Kopf herum. Es gibt aber nicht auf jede Frage die man sich stellt immer eine Antwort. Dazu braucht es natürlich mehr Zeit. Aber ich glaube, es muss nicht immer auf alles eine Antwort geben. Es ist einmal wichtig, Ängste abzubauen, Begegnungen zu machen und auch manches so stehenzulassen, so, wie es ist.

Mit den Gedanken ist es unterschiedlich: Manchmal blühen Blumen im Kopf und manchmal ist man einfach nur angefuckt – weil alles zuviel ist. Ich habe eine Strecke gehabt, das war kurz vor der rumänisch-serbischen Grenze, es waren nur 15 km, aber es war eine Haupt-LKW-Route. Da verwelken die Blumen im Kopf. Da ist man nur angefuckt und denkt sich: ich will jetzt da weg!

Aber da muss man halt auch durchbeißen.

 

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Tsarevo das Ziel (Bulgarien) Schwarzes Meer / Foto (c) Mario Lang

 

A. Fortunat: Auf dieser ganzen langen Reise, hat es da Punkte gegeben, wo Sie gesagt haben: ich will nicht mehr, ich breche ab?

Mario Lang: Nein, eigentlich nie. Ich habe mir spaßhalber mal gedacht: Mario, du bist ein Trottel, könntest im Schrebergarten sitzen und dem Schnittlauch beim Wachsen zusehen. Das war aber spaßhaft gedacht.

 

A. Fortunat: In Summe war das alles ein sehr positives und motivierendes Abenteuer, gibt es irgendetwas, wo sie sagen, das war echt negativ, das will ich vergessen?

Mario Lang: Das, was mir sehr negativ in Erinnerung geblieben ist, lässt sich in drei Punkten aufzählen:

  1. das war der Anblick der Flüchtlinge in den Containern am Grenzübergang Österreich-Slowakei,
  2. der Zaun an der Grenze zwischen Ungarn und Serbien
  3. sowie der Grenzübergang zwischen Ungarn und Serbien, wo Flüchtlinge in der Hitze unter menschenunwürdigsten Bedingungen hausen müssen

 

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Ungarn Grenzzaun / Foto (c) Mario Lang

 

A. Fortunat: Haben Sie eine Botschaft für die Leser_innen ihres Blogs bzw. des Interviews?

Mario Lang: “Der Zaun muss weg” – Ich mag keine Zäune. Man nehme nur die Donau her. Trotz allem Schlimmen, was passiert ist, verbindet die Donau immer noch die Länder. Das Verbindende will ich unterstreichen, ich will kein Apostel sein, aber ich möchte den Menschen die Angst vor dem Fremden nehmen. Wovor hat man Angst? Man hat Angst vor dem, was man nicht kennt. Wer die Menschen einmal kennenlernt weiß, dass man vor niemanden Angst haben muss.

 

A. Fortunat: Vielen Dank für das Interview.

 

Hinweis: eine detaillierte Reiseschilderung ist über den ⇒vorhangauf.international Blog von Mario Lang nachzulesen.

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