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Warum ein Kunstvermittler keine Künstler vermittelt

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June 29th, 2016

Noch immer wissen wenige Menschen, was ein/e Kunst- oder Kulturv­er­mit­t­lerIn tatsächlich tut und wie die Kunst- und Kulturvermittlung in Öster­reic­h organisiert ist. Am Beispiel des Museums moderner Kunst Stiftung Ludwig (mumok) und des Wien Museums wird versucht, eine Antwort darauf zu geben.

Stellen Sie sich folgendes vor: Sie müssen ein Firmenevent organisieren und brau­chen dafür einen Künstler. Oder, Sie suchen nach einem Bild für Ihre Wohnung und brauchen dazu einen Expertenrat. Die vermeintliche Lösung: Ich konsultiere eine/n KunstvermittlerIn. Doch (diese Einschätzung ist) weit gefehlt!

Der österreichische Verband der KulturvermittlerInnen im Museums- und Ausstellungswesen hat folgende Berufsdefinition festgelegt: “Ein/e KulturvermittlerIn initiiert und gestaltet professionell eigeninitiativ und/oder auftragsorientiert Kommunikationsprozesse mit BesucherInnen über Objekte in Museen und Ausstellungen. Zielgruppen dieser Vermittlungsarbeit sind Menschen aller Altersstufen und aller sozialen und kulturellen Schichten.”

Gemäß Bundesministerium für Kunst und Kultur, Verfassung und Medien “baut die Kulturvermittlung lebendige Brücken zwischen künstlerischer Produktion und Publikum, dem dadurch aktives Erleben ermöglicht wird”.

Kunstvermittlung im mumok

Das mumok ist das größte Museum im Zentrum Europas für die Kunst seit der Moderne. Die Kunstvermittlung als Stabsstelle des Museums wird von Claudia Ehgartner-Nadrchal und Mag. Jörg Wolfert geleitet. Das Team umfasst dreizehn MitarbeiterInnen im Alter von 24 – 62 Jahren, die alle fest angestellt sind.


Claudia Ehgarter-NadrchalClaudia Ehgarter-Nadrchal: Für Kunstrezeption benötigt man kein Spezialwissen. Es geht bei der Kunstvermittlung darum, sich einmal Zeit zu nehmen, sich vor ein Kunstwerk hinzusetzen, es sich anzusehen, mit jemandem darüber zu reden, sich Gedanken zu machen. Und das kann eigentlich jeder.


Für Claudia Ehgarter-Nadrchal ist es zu wenig, nur die Inhalte von Ausstellungen den BesucherInnen näherzubringen. Vielmehr sieht sie es auch als ihre Aufgabe darauf zu achten, wer denn die BesucherInnen sind und was man diesen über den Inhalt der Ausstellungen hinausgehend noch an Informationen anbieten kann. Im Falle des mumok ist dieses Angebot enorm: es gibt neben den für einen Museumsbetrieb üblichen Führungen noch Spezialveranstaltungen, wie beispielsweise “Kunst & Drinks” (Tour durch das mumok einmal im Monat in geselliger Runde bei einem Glas Sekt), “Kunst am Nachmittag” (jeden Freitag ab 16:00 gibt es eine Führung durch die aktuelle Ausstellung) oder “Kunst am Donnerstag” (jeden Donnerstag ab 19:00 sprechen KunstexpertInnen über Kunst und verschiedene Ausstellungen). Darüberhinaus werden laufend spezielle Veranstaltungen für die Zielgruppen Erwachsene, Kinder, Jugendliche und Schulen angeboten.

 

Kunstvermittlung im Wien Museum

Das Wien Museum ist ein urbanes Universalmuseum mit einem breiten Spektrum von Sammlungen und Ausstellungen – von Stadtgeschichte über Kunst bis zu Mode und Alltagskultur, von den Anfängen der Besiedelung bis zur Gegenwart. Frau Mag. Isabel Termini-Fridrich leitet die “Abteilung für Vermittlung, Bildung und Besucherinnen­service”, wie die für die Kunstvermittlung im Wien Museum zuständige Organisationseinheit korrekt bezeichnet wird.

Mag. Isabel Termini-Fridrich


Isabel Termini-Fridrich: Wir KunstvermittlerInnen sind unter den einzelnen Museen sehr gut vernetzt, wir kennen uns. Wir sind sehr solidarisch, tauschen Informationen aus. Es gibt keine Konkurrenz.


Anders als im mumok ist über die Hälfte der zehn MitarbeiterInnen in Isabel Terminis Team freiberuflich für das Wien Museum tätig. Ebenso wie in den meisten anderen Museen spricht die Kunst­vermittlung auch hier die Zielgruppen Kinder, Schulen, Jugendliche und Erwachsene an. Eine Spezialität des Museums sind spezielle Gesprächskreise für SeniorInnen, die in Zusammenarbeit mit der Universität Wien abgehalten werden. Obwohl mehrere Generationen vertreten sind, ist die Mehrheit der TeilnehmerInnen jenseits der 50. Die Themen sind vielfältig wie zum Beispiel Wiener Wirtshäuser, Aspekte der Migration oder die Situation an Wiens Peripherie und in den Schrebergärten. Die Teilnahme dazu ist frei und jeder, der kommen will, ist dazu eingeladen.

“Die Museen heutzutage nehmen die Kultur- oder Kunstvermittlung viel wichtiger als früher. In diesem Bereich hat sich – wenn auch mit ein wenig Verspätung – die Professionalisierung durchgesetzt”, sagt Isabel Termini. Dieser Wandel gestaltet sich durch die Abhängigkeit der Finanzierung durch den Bund allerdings durchaus langwierig. “Museen sind diesbezüglich sehr träge Institutionen”.

 

Beruf KulturvermittlerIn

Der Beruf des/der Kunst- und KulturvermittlerIn ist für viele Studienabgänger und Jobsuchende gefragter als je zuvor. “Die Anzahl der Bewerbungen inklusive Blindbewerbungen, die ich bekomme, ist riesengroß”, bestätigt auch Isabel Termini.

statistik

Quelle: Statistik Austria

 

Dies zeigen auch die Zahlen der Statistik Österreich: allein im Jahr 2015 betrug der Zugang in die Arbeitslosigkeit im Bereich Lehr- und Kulturberufe über 43.000, mehr als zwei Drittel davon sind Frauen. Mit der traurigen Gewissheit, dass das Essl Museum mit 1. Juli 2016 seine Tore für immer schließen wird, gehen dem Arbeitsmarkt für Kunstvermittlerinnen weitere sechs Arbeitsplätze verloren.

Weitere informationen zum Thema im Internet:
=> mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig
=> Wien Museum
=> Bundeskanzleramt Österreich – Kunst und Kultur
=> Kultur Kontakt Austria
=> Österreichischer Verband der KulturvermittlerInnen im Museums- und Ausstellungswesen

 

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